Montag, 26. Oktober 2015

Wieder mal Stille.

Leere. Wie Ohrensausen, kurz bevor man in Ohnmacht fällt. Es war alles umsonst. All die Mühen, die Schmerzen, die Gedanken, die Sorgen, der Mut, die Hoffnung, der dafür aufgegebene Urlaub...alles umsonst. Wir stehen wieder mit leeren Händen da. Sind wieder kaputt, ausgelaugt und traurig. Wie schon die vielen Male zuvor in unserer gemeinsamen Zeit. Wir sind seit 8 Jahren zusammen. Wir gehen seit nun mehr fast 6 Jahren diesen Weg miteinander. Somit verbrachten wir die meiste Zeit unserer wundervollen Beziehung mit selbst heraufbeschworenen Sorgen. Die einzig sorgenfreie und wunderbar aufregendste Zeit waren unsere Flitterwochen. Klischeehafte zwei perfekte Wochen lang Liebe und Leben pur. Fabelhaft. Und unser so turbolentes erstes Jahr. So turbolent, dass ich fast ein Buch darüber schreiben könnte. (Keine Angst, das mache ich bestimmt nicht)

Jetzt sitzen wir da in unserer Stille. Haben den Halt unter den Füßen verloren. Wir verbringen die meiste Zeit in der wir zusammen sind ganz normal. Es muss ja auch weiter gehen. Wir lächeln uns gegenseitig Mut zu. Erfinden unser Leben neu in dem wir uns jeden Tag unzählig viele positive Dinge sagen, die unser Leben ohne Kind jetzt bereichern sollen. Es fühlt sich an, als würden wir das alles weglächeln. Alles was war wegwünschen. Und dann reicht ein Blick in seine Augen und es braucht keine Worte für die unendliche Traurigkeit und Enttäuschung. Es fühlt sich alles so verzweifelt an. Obwohl wir beide wussten, dass es genau so enden kann. Sehr wahrscheinlich sogar. Von Anfang an...wir sind praktisch mit offenen Augen in dieses Schlamassel gerannt. Ich habe immer daran geglaubt, dass wir es schaffen könnten. Künstliche Befruchtung, wozu gibt es die Hilfe denn? Na klar schaffen wir das...mit all unseren Befunden im Kopf...na klar schaffen wir das.

Es ist ein bisschen wie Liebeskummer. Wenn sich deine Magengrube taub anfühlt. Wenn du weder richtig essen noch trinken magst. Weil dir schlecht ist vor lauter Leere in deinem Herzen. Dir wird schwindelig wenn du aus dem Bett aufstehst, weil du am liebsten liegen bleiben möchtest in deinem zerknüllten Bett. Zerknüllt ist auch genau das richtige Wort für dein Herz. Dein Lachen ist irgendwo auf der Strecke geblieben, es reicht allenfalls für ein schwaches Lächeln. 
Es ist wie diese Art Hoffnungskummer, du weißt genau, dass es nicht funktioniert und doch hoffst du so sehr auf eine zweite Chance. Du weißt, dass es dich wieder unfassbar verletzten wird. Weil es das immer getan hat. Es wird sich nicht ändern. Und doch willst du genau nur das. Damit du dich wenigstens ein paar Tage glücklich und voller Energie fühlen kannst. Aber - was für ein riesen Trugschluss. Entweder du ziehst einen Schlussstrich, oder du leidest weiter für eine schrecklich ungewiss lange Zeit und weinst diesem einen Typen, den du in deinen Gedanken so vollkommen machst hinterher. Genauso vollkommen stellt man sich doch auch das Leben mit Baby vor. Genau so. Warum? Weil es dir bei Anderen so vollkommen vorkommt. Weil es dir so oft für vollkommen verkauft wird. Und schon lebst du in deiner Traumwelt und bastelst dir dein vollkommenes Baby zurecht. Immer und immer wieder. Irgendwann ist es in deinen Träumen so vollkommen, dass sich die Realität so grausam anfühlt, dass du zu deinem Herzschmerz beinahe körperliche Schmerzen erleidest. So ist das. Wie in der Liebe mit dem Typen. So in etwa ist das doch mit dem Kinderwunsch... 

Und jetzt?

Fangen wir von vorn an. Sortieren alles. Müssen wieder unendlich viel miteinander reden. Der ganze Seelenmüll... Es ist seit Jahren immer das Gleiche. Du kaust immer und immer wieder deine Situation bis zu Letzten durch. Um jedesmal auf ein anderes Ergebnis zu kommen. Um jedes Mal deine im Kopf zurechtgelegten Pläne zu verwerfen, weil du verdrängst, dass das Leben immer anders plant als dein Kopf. Und dass zu der Geschichte immer zwei gehören. Weil du oft vergisst, dass dein Partner sich auch einen Plan im Kopf zurechtgelegt hat und diese beiden Pläne haben oft kein gemeinsames Ende. Aber wenn die Pläne plötzlich doch ein gemeinsames Ende haben, eines dass zu erwarten war, dann wirst du dich zu Tode erschrecken. Im Moment prasselt alles auf uns ein. Das Ende, die Hintertür, Adoption, eben alles was der Geist zu bieten hat. Alles wird neu betrachtet und neu geordnet, wieder auf Eis gelegt...unsere Geschichte will einfach keine Form annehmen. Die einzige Form die ich darin erkennen kann, und darüber muss ich selber traurig lächeln, ist ein Hauch verrückte Verzweiflung. Die Zeit verrinnt weiter nur wir, wir harren irgendwo gefangen darin aus. Schaffen es nur in mühevoller Schwerstarbeit einen gemeinsamen Punkt zu finden, der bisher schon immer auf sehr wackeligen Beinen stand. Es ist schlicht und ergreifend zum K.....

Und so drehst du dich immerfort im Kreis ohne auch nur einen Schritt nach vorne zu kommen. Oder sind wir bereits einen Schritt weiter? Weil wir den Mut haben es auszusprechen? Oder gehen wir einen Schritt zurück, weil wir es zwar aussprechen aber beide den selben Gedanken haben, dass alles in ein oder zwei Jahren anders aussehen kann? Oder ist es nur die Enttäuschung, die sich da im Moment zu Wort meldet und nicht wir (wir wissen schließlich beide auch, dass ich in ein oder zwei Jahren so gut wie 40 bin und unsere Reserven mehr als aufgebraucht sind)? Ist es okay zu sagen, wer weiß was uns das Leben bringt? Sich diese Schwäche einzugestehen, dass man jetzt eine gewisse Ruhe zulässt, dass man mal endlich wieder zu leben anfängt... mit dem Gedanken, dass man sich noch für eine kleine Weile alles offen lässt? Ist es nicht vielleicht so, dass man dann in ein oder zwei Jahren eben nicht mehr dort weitermachen will wo das Herz in tausend Stücke zersprungen ist? Sondern sich vielleicht ganz freiwillig und ganz ohne Schmerz und ganz bewusst mit einem klaren Ja für ein Leben OHNE Kinder entscheidet? 

Ich weiß es nicht. Alles was ich weiß ist was mir hier und heute bleibt. Ein Rezept mit Beruhigungsmittel. Bei Bedarf ein schneller Termin mit einer Therapeutin, der Lieblingsmann eine kranke und eine verrückte Katze. Was will man mehr. Reicht für den Augenblick völlig aus.

Und hier an dieser Stelle möchte ich mich für die lieben Worte und Mails zu meinem letzten Post bedanken. Ich bin so dankbar dafür, dass so viele an meiner Seite stehen, denen es genau so geht. Ich bin dankbar dafür, dass ihr eure Geschichten mit mir teilt. So so so dankbar.






Kommentare:

  1. Meine liebe Wünschi.

    Ich kenne deinen Schmerz. Deine Leere. Deine Enttäuschung. Und deine Traurigkeit. Wobei... Nein, das stimmt nicht. Genau diesen Schmerz kenne ich nicht. Wie ihr euch fühlt. Wie es sich anfühlt. Ich kann es mir vielleicht vorstellen. Maximal Erahnen. Aber kennen... Nein, das ist falsch gesagt. Und ich wünschte so sehr, du und ihr würdet genau diesen Schmerz auch nicht kennen. Leider ist das Leben kein Wunschkonzert. Leider.

    Ich sage es nochmal: Ich bin da. Falls du das möchtest.

    Ich drück dich feste. ♥

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    1. Danke Liebes. Doch du weißt wie es ist...du hattest genauso Angst vor der Leere und vor dem Ende wie ich. Und trotzdem bin ich froh, dass du nun nicht den gleichen Weg mit mir gehen musst.
      Ich drück dich fest zurück ♥

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  2. Liebe Wünschi,
    es schnürt mir die Luft weg, wenn ich deine Zeilen lese. Es ist so unfassbar, dass es bei euch auch dieses Mal nicht klappen wollte. Es ist und bleibt einfach nur ungerecht und sinnlos.
    Und nein, ich kann nicht nachempfinden wie du dich fühlst - nur ganz grob erahnen.
    Wir können auf den Mond fliegen, innerhalb weniger Stunden auf einen anderen Kontinent reisen, mit einem winzigen Gerät namens Telefon die 20.000 Kilometer entfernt Oma innerhalb weniger Sekunden erreichen. Aber die Reproduktionsmedizin schafft es nicht die Natur auszutricksen und uns ein Kind zu schenken.
    Vor ein paar Jahren dachten wir noch, dass alles machbar sei und uns nichts u d niemand aufhalten könnte. Tja, da hat uns die Natur wohl einen Strich durch die Rechnung gemacht.
    Das was euch geschehen ist, ergibt überhaupt keinen Sinn, ist unlogisch, einfach irrational. Jetzt gilt es dieses Wirrwarr irgendwie zu entzerren und alles (neu?) zu sortieren. Ich vermute, dass das verdammt anstrengend wird. Aber ich bin mir absolut sicher, dass ihr das schaffen werdet.
    Ich drücke dich ganz, ganz feste!

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    1. Ja die Natur...und trotzdem es echt fies weh tut, sie hat die Fäden in der Hand. Und bestimmt - ganz bestimmt sogar ist das auch gut so. Sagt der Kopf...aber das Herz... :,(
      Drück dich fest zurück du Liebe ♥

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  3. Liebe Wünschi, mir fehlen einfach die Worte. Ich umarme dich ganz fest!!

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    1. Danke ♥ ich umarme dich fest zurück!

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  4. Liebe Wünschi, deine Worte treiben mir die Tränen in die Augen. Du kannst das in Worte fassen, was auch in meinen Kopf vorgeht.... die ganzen Gedanken immer und immer wieder durchkauen, in der Hoffnung, dass nach dem 5382x mal irgendwann der "Knoten platzt", man endlich einen gangbaren Weg GEMEINSAM findet..... ach es wäre so schön, bei diesem Thema irgendwann im Gleichschritt zu gehen. Aber auch davor hat man irgendwie Riesen-Angst, du hast das ehrlich beschrieben......
    Fühl dich einfach gedrückt..... und lass uns diesen schwierigen Weg ein bißchen gemeinsam gehen. Alles Liebe. Bluete83

    Aber

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    1. Liebe Bluete83, ich gehe gern mit dir gemeinsam. Dann ist es vielleicht nicht ganz so schwer.
      Ich drück dich fest zurück ♥ danke dass du da bist!

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  5. :'( So gerne würde ich dir, wenigstens für einen moment, die last von deinen schultern nehmen.
    Fühl dich bitte fest von mir in den arm genommen.
    Ich bin für dich da ♥

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  6. Wünschi, meine kleine Wünschefee... ich denke an Dich vor eineinhalb Jahren etwa...Deine Grundenergie war eine ganz andere. Weißt Du noch ?
    Wenn man den Weg selber gegangen ist, dann kann man mit erstaunlicher Präzision oft vorher sagen, welche Entscheidungen getroffen werden. Ich bin daher überhaupt nicht überrascht, dass Du Dich zu einer weiteren ICSI entschieden hast. Wenn man nicht zu denen gehört, deren Weg mit Kind endet, dann weiß man leider aber auch, wohin diese Entscheidungen führen, wenn der ersehnte Jubel weiterhin ausbleibt. Je länger der Weg dauert und je mehr traurige Erfahrungen, desto dünner wird das Eis. Desto höher wird der Preis. Jede muss selber abschätzen, wie lange das Eis sie trägt. Es gibt die, die ein Kind bekommen, solange das Eis noch recht dick ist. Es gibt die, die das Eis rechtzeitig genug ohne Kind verlassen. Es gibt die, die eigentlich schon dabei sind komplett einzubrechen und in letzter Sekunde durch glücklichen Umstand doch noch schwanger werden und bleiben (was sie VORERST vor ihren Hausaufgaben und dem Ertrinken bewahrt). Es gibt die, die am Ende nicht durch den glücklichen Umstand in letzter Sekunde vorm Einbruch gerettet werden. Die haben die Arschkarte gezogen.
    Ich bin nicht Du. Ich kann die Dicke deines Eises nicht messen.
    Ich kann sie nur ahnen.

    In jedem Fall aber will ich nicht, dass du die Arschkarte ziehst. Verstehst Du ?
    Dazu bist Du viel zu schade.
    Herrje. Das war jetzt wirr etwas, fürchte ich.

    Kuss, Isa

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    1. Isa du Schatz. Ich sehe bereits was unter mir schwimmt. Unterm Eis. Aber ich kann die Dicke nicht abschätzen. Ich sehe auch noch keine Risse. Wir haben die Balance verloren. Und uns kann keiner helfen sie wieder zu finden. Seine Schritte gehen weiter oder sagen wir so, er bleibt nur kurz stehen. Während ich fest gefroren bin. Auf einer Schicht Eis, wo ich nicht mal weiß wie dick sie ist. Nicht gerade ein Wohlfühlgefühl. Und ich kann und will nicht mit ihm mitgehen, weil sein Ziel einfach so unbestimmt und so unklar ist.
      Jetzt ist es hier vermutlich etwas wirr...
      Kuss zurück :*

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  7. Liebe Wünschi,
    ich würde dir so gern ein Patentrezept an die Hand geben, dich auf einen Schlitten setzten und aus der Gefahrenzone heraus bugsieren... Doch ich kann nur zuschauen, vom sicheren Ufer aus und von dort aus zittere und bibbere ich, darum dass du eben nicht einbrichst, nicht die Arschkarte ziehst, dass du dich wieder bewegen kannst, nicht mehr taub und festgefroren bist. Dass du deinen Weg findest, dass ein Licht dir den weg aus der Dunkelheit zeigt.

    Ich wünsche dir den Mut und die Kraft für diesen Weg.

    Fi

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    1. Ach Fi...ja das wäre schön. Jemand der den Schlitten lenkt. Ich würde einfach die Augen fest geschlossen halten und erst wieder auf machen, wenn mir jemand auf die Schulter tippt: jetzt kannste kucken...
      Das ist alles ziemlich mies...:(
      Ich danke dir, dass du da bist. ♥

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